Zwei Wappen derer zu Hondelage
Home
Stichwortsuche
Impressum
Inhaltsverzeichnis

• Die Landschaft
• Frühgeschichte
• Spätes Mittelalter
• 16./17. Jahrhdt.
• 18. Jahrhundert
• 19. Jahrhundert
• 20. Jahrhundert
• Die Reihehöfe
• Kulturelles Leben
• In Zahlen
Die Chronik des Dorfes Hondelage
Die online-Ausgabe der 1975 gedruckten Fassung von Gerhard Bothe und Alfred W. Bertram.
Hondelage im 18. Jahrhundert

Die soziologische Struktur der Gemeinde im Jahr 1788

Eine bedeutsame Quelle für die soziologische Struktur des Dorfes gegen Ende des 18. Jahrhunderts und gleichzeitig ein Hilfsmittel für die Geschichte der Reihehöfe bieten die sog. Seelenlisten. Bei den Akten der Pfarre befinden sich eine „lnstruction zu den Seelenlisten für die Fürstlichen Ämter, Stifte, Clöster und Gerichte“ sowie eine „lnstruction zu den Verzeichnissen der Geborenen, Gestorbenen und Copulierten“, beide vom 8. 12. 1780, mit einem Nachtrag vom 11. 12. 1781 und einer nachdrücklichen Mahnung des Herzogs Carl Wilhelm Ferdinand vom 24. 11. 1782, durch die „Justizbeamte und Prediger“ zu einer sorgfältigen Aufstellung der Listen auf einem vorgeschriebenen Formular angehalten wurden.

Die Listen verfolgten offenbar den Zweck aus vermutlich steuerlichen und militärischen Gründen über die Bevölkerungsbewegung schnell und genau unterrichtet zu sein. Sie wurden in verhältnismäßig kurzen Zeitabschnitten aufgestellt und später durch die in der „westfälischen Zeit“ eingeführten „Mutationsverzeichnisse“ auf dem laufenden gehalten. Die älteste uns bekannte Liste aus dem Jahre 1788, die von Pastor Schroeter zusammengestellt ist, erfaßt einmal die Einwohnerschaft des Dorfes in 4 Classen und gibt zum anderen eine Übersicht über „Hausväter und Hausmütter“, über sonstige ledige Erwachsene, über die „Hausbedienten“, über „Alte und Abgelebte“ (offenbar Altenteiler) und über die Kinder. Alle Angaben waren nach männlichen und weiblichen Personen getrennt zu machen, und schließlich mußten Witwen, Waisen sowie bestehende Ehen und die Zahl der Haushaltungen gesondert angegeben werden. Zweifellos für die damalige Zeit ein erstaunlich weit differenzierter Fragebogen.

Zu der Classe 1 „Salärische Personen“, wir würden heute sagen „Gehaltsempfänger“, gehörten Pastor, Opfermann (Lehrer) und der Klosterförster, insgesamt 5 Männer, 9 Frauen, 3 Söhne und eine Tochter. In den 3 Haushaltungen waren immerhin 1 Knecht und 6 Mägde beschäftigt.

Die größte und für eine Beurteilung der soziologischen Struktur des Dorfes wichtigste Gruppe enthält die Classe 11 „Landeigentümer und dazugehörige Personen“. Sie umfaßt die Bauern, die Tagelöhner und Handarbeiter und schließlich die Viehhirten. Auf den 30 Reihehöfen waren 14 Knechte und 23 Mägde sowie 4 ledige Erwachsene (offenbar Geschwister des Hofbesitzers) tätig. Dazu kamen 8 Söhne und 5 Töchter, die über 14 Jahre alt waren und sicherlich mitarbeiten mußten. Auch die 18 Altenteiler können zum größeren Teil zu den Mitarbeitern gerechnet werden. Im Durchschnitt entfallen damit auf jeden Hof etwa 4 Arbeitskräfte. Dabei waren zwischen den einzelnen Gruppen natürlich Unterschiede vorhanden.

Die Ackerleute verfügten im Durchschnitt über 67, die Halbspänner über 46 und die Kotsassen über 25 Arbeitskräfte. Zu diesem regelmäßigen Bestand sind noch die 11 männlichen und 16 weiblichen Tagelöhner zu rechnen, und schließlich darf nicht außer acht gelassen werden, daß die 6 Viehhirten mit ihren Frauen den Höfen die Arbeit für die Viehhaltung weitgehend abnahmen. Insgesamt gesehen war die Zahl der Arbeitskräfte sehr hoch, um so mehr, wenn man berücksichtigt, daß die Landwirtschaft damals sehr extensiv betrieben wurde. Auch die 111. Classe „Gewerbetreibende Personen, Professionisten und Handwerker“ gibt interessante Aufschlüsse. Zu ihr gehörten 2 Schneider und 4 Leineweber, von denen einer sogar einen Gehilfen besaß.

Bei den Leinewebern handelte es sich vermutlich um Hausgewerbetreibende, d.h. um selbständige Heimarbeiter, die ihren Beruf hauptamtlich ausübten und den im Dorfe und den Nachbarorten angebauten Flachs verarbeiteten. Sie zählten zu den wenigen Gewerbetreibenden, die nicht innungspflichtig waren. Der Flachsanbau wurde um die Mitte des 18. Jahrhunderts von der Landesregierung stark gefördert. Garnspinnerei und Leineweberei waren für das Land Braunschweig damals wichtige Produktionszweige, deren Erzeugnisse auch exportiert wurden. Hauptabnehmer der Garne waren England und der bergische Raum um Elberfeld. Während die Spinnerei auf den Höfen weitgehend nebenamtlich von den Frauen betrieben wurde, waren für die körperlich schwerere Weberei besondere Leinwandmanufakturen entstanden, die ihrerseits Heimarbeiter beschäftigten oder mit selbständigen Hausgewerbetreibenden Verbindung hatten.

Zu der IV. Classe „Personen, so von ihren Mitteln leben“, gehörten lediglich die 3 Töchter des verstorbenen Pastors Dreißigmark, die mit einem Knecht und einer Magd die landwirtschaftlichen Grundstücke des Pfarrwitwenhauses bewirtschafteten. Insgesamt zahlte das Dorf im Jahre 1788 156 männliche und 157 weibliche Einwohner. In 65 Haushaltungen lebten 56 Ehepaare. Die Zahl der Witwen war mit 15 mehr als doppelt so groß wie die Zahl der Witwer mit 6 Personen; Waisen waren nicht vorhanden. Dagegen überstieg die Zahl der Söhne (Kinder unter 14 Jahren) mit 62 die Zahl der Töchter mit 45 nicht unerheblich. 10 Männer und 12 Frauen waren Altenteiler. 2 Männer waren „unter Serenissimi“ bei den in holländischen Diensten stehenden braunschweigischen Truppen und wie ein in Lüneburg arbeitender Schustergeselle bei der Aufstellung nicht berücksichtigt.

oben